kleine Schriftgröße normale Schriftgröße große Schriftgröße

Waltraud-Schiffels-Preis 2026


Waltraud-Schiffels-Ehrenpreis 2026 für Nadja Schallenberg – Projektpreis geht an Saeleen Bouvar

Die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung würdigt zwei Generationen trans*politischer Arbeit

 

Die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung gibt die Preisträgerinnen des Waltraud-Schiffels-Preises 2026 bekannt. Mit dem Waltraud-Schiffels-Ehrenpreis für ein trans*aktivistisches Lebenswerk wird die Berliner Menschenrechtsaktivistin und trans*politische Pionierin Nadja Schallenberg ausgezeichnet.

Der mit 1.000 Euro dotierte Waltraud-Schiffels-Preis für ein herausragendes Projekt aus trans Communitys* geht an die Hamburger Künstlerin, DJ, Kuratorin und Kulturproduzentin Saeleen Bouvar.

Die sechsköpfige Jury bestand aus der Zustifterin Janka Kluge, Annette Güldenring, Manuel Ricardo Garcia sowie drei Vertreter*innen des Vorstands der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung. Die Jury bedankt sich bei allen Bewerber*innen, Nominierten und vorgeschlagenen Projekten für ihre wichtige und oftmals unter schwierigen Bedingungen geleistete Arbeit für die Rechte und die Selbstbestimmung von trans* Menschen.

Mit den diesjährigen Auszeichnungen würdigt die Jury zwei unterschiedliche, zugleich eng miteinander verbundene Formen trans*politischer Arbeit: den jahrzehntelangen Aufbau von Selbsthilfe-, Beratungs- und Menschenrechtsstrukturen sowie die Schaffung widerständiger kultureller Räume, lebendiger Archive und solidarischer Netzwerke.

 

Waltraud-Schiffels-Ehrenpreis 2026 - Nadja Schallenberg

Mit dem Waltraud-Schiffels-Ehrenpreis 2026 würdigt die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung das außergewöhnliche trans*aktivistische Lebenswerk von Nadja Schallenberg.

Nadja Schallenberg gehört zu den Pionierinnen der transpolitischen Bewegung in Deutschland. Ihr Engagement begann zu einer Zeit, in der trans Menschen kaum über öffentliche Räume, Beratungsangebote oder selbstorganisierte Strukturen verfügten. Bereits in der DDR baute sie eine der ersten Interessen- und Selbsthilfegruppen für trans* Menschen auf und wurde zu einer öffentlich wahrnehmbaren trans* Bürgerrechtlerin.

Die 1969 in Ost-Berlin geborene Aktivistin engagierte sich zunächst in kirchlichen Umwelt-, Friedens- und Bildungszusammenhängen. Während der gesellschaftlichen Umbrüche der Jahre 1989 und 1990 begann sie, Räume für trans*politischen Austausch, Information und gegenseitige Unterstützung zu schaffen.

Nach dem Ende der DDR setzte sie ihre Arbeit im Berliner Sonntags-Club fort. Dort baute sie Anfang der 1990er-Jahre Informations-, Kontakt- und Beratungsangebote für trans* Menschen auf und leitete diese über viele Jahre. Zu ihren Initiativen gehörten ein Informationsladen und später die Selbsthilfegruppe „Butterfly“ für lesbische trans* und queere Frauen.

In einer Zeit massiver Pathologisierung und gesellschaftlicher Diskriminierung stellte Nadja Schallenberg Informationen bereit, begleitete Menschen durch rechtliche und medizinische Verfahren und schuf Orte, an denen trans* Menschen einander begegnen und unterstützen konnten.

Über viele Jahre engagierte sie sich außerdem für eine Reform des damaligen Transsexuellengesetzes. Besondere Bedeutung besitzt ihr erfolgreicher juristischer Einsatz gegen die damals geltende Altersgrenze für die Änderung des Vornamens. Ihre Klage trug dazu bei, eine diskriminierende Regelung des Gesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht zu Fall zu bringen.

Nadja Schallenberg thematisierte früh die Diskriminierung von trans* Frauen, die Ausgrenzung lesbischer trans* Frauen und die Benachteiligung trans* Menschen in der Arbeitswelt. Sie schrieb Artikel, führte öffentliche Debatten und brachte trans* Perspektiven in politische Zusammenhänge ein, in denen diese zuvor kaum vertreten waren. 1995 gehörte sie als offen trans* Frau einer Berliner Bezirksverordnetenversammlung an.

Bis heute ist sie dem Sonntags-Club eng verbunden. Sie gestaltet Kultur- und Informationsveranstaltungen, begleitet Selbsthilfeangebote und engagiert sich unter anderem in einer queeren Trauergruppe sowie für trans* Frauen, die sexuelle oder sexualisierte Gewalt erfahren haben.

Auch ihr persönliches Archiv ist ein bedeutendes Zeugnis trans* Geschichte. Dazu gehört ein Coming-out-Album aus dem Jahr 1990 mit Fotografien, Gedichten, Briefen und Zeitungsartikeln. Der heute im Schwulen Museum aufbewahrte Bestand dokumentiert nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern auch eine wichtige Phase trans*politischer Selbstorganisation in Berlin.

Nadja Schallenberg hat über Jahrzehnte Wissen weitergegeben, Beratung aufgebaut, rechtliche Veränderungen angestoßen und Räume geschaffen, in denen trans* Menschen füreinander da sein konnten. Ihr Wirken verbindet politische Intervention, Menschenrechtsarbeit und konkrete Sorgearbeit.

Der Waltraud-Schiffels-Ehrenpreis 2026 geht an Nadja Schallenberg für ihren Mut, ihre politische Beharrlichkeit und ihren jahrzehntelangen Einsatz für die Selbstbestimmung und die Rechte von trans* Menschen.

 

Waltraud-Schiffels-Preis 2026 für ein herausragendes trans* Projekt - Saeleen Bouvar

Der Waltraud-Schiffels-Preis 2026 für ein herausragendes Projekt aus trans* Communitys geht an die Hamburger Künstlerin, DJ, Kuratorin und Kulturproduzentin Saeleen Bouvar.

Saeleen Bouvar arbeitet seit vielen Jahren an der Schnittstelle von elektronischer Musik, trans* Kultur, Communityarbeit und Erinnerungspolitik. Ihr besonderes Engagement gilt migrantischen und transfemininen Künstler*innen sowie Menschen, deren Arbeit und Wissen in der Musikindustrie, in Kulturinstitutionen und auch innerhalb queerer Öffentlichkeiten häufig unsichtbar bleiben.

Vor rund neun Jahren gründete sie in Hamburg den Salon Queertronique. Die Veranstaltungsreihe schuf in der Hamburger Clublandschaft eine Plattform für trans* Perspektiven und für DJs jenseits geschlechtlicher Normierungen. Aus einem zunächst unter prekären Bedingungen entstandenen Communityformat entwickelte sich ein wichtiger Ort trans* kultureller Selbstorganisation, der inzwischen auch bei Kampnagel eine institutionelle Heimat gefunden hat.

Saeleen Bouvar begreift Clubkultur nicht als unpolitischen Unterhaltungsraum. Musik, Nachtleben und Performance sind in ihrer Arbeit Orte, an denen Gemeinschaft entsteht, Wissen weitergegeben und gegenseitige Unterstützung organisiert werden kann. Dabei verbindet sie ihren Einsatz für trans* Emanzipation konsequent mit antirassistischen Perspektiven und schafft Verbindungen zwischen trans* Künstler*innen, migrantischen Communitys, Sexarbeitenden und internationalen Netzwerken.

2022 gründete sie das TRANSTRONICA Festival, eines der ersten elektronischen Musikfestivals mit einem ausschließlich trans* Line-up. Das Festival bringt lokale und internationale trans* Künstler*innen zusammen und präsentiert etablierte Künstler*innen ebenso wie Newcomer. Dadurch entstehen Bühnen, Zugänge und Netzwerke, die trans Kulturschaffenden im regulären Musikbetrieb weiterhin häufig verwehrt bleiben.

Besonders überzeugt hat die Jury, dass Saeleen Bouvar kulturelle Sichtbarkeit mit Fragen materieller Gerechtigkeit verbindet. Ihre Arbeit setzt sich kritisch mit Transmisogynie, Rassismus, Migration, Armut und den prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen vieler trans* Künstler*innen auseinander.

Ein Teil der im Rahmen von TRANSTRONICA erwirtschafteten Mittel kommt neben den beteiligten Künstler*innen auch trans Communitys und solidarischen Strukturen weltweit zugute. Saeleen Bouvar entwickelt damit eine Form der Kulturarbeit, die Repräsentation, Ressourcenverteilung und gegenseitige Verantwortung zusammendenkt.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Aufarbeitung trans* Kulturgeschichte. Mit dem performativen Audiowalk „Walking with Stardust“ widmete sie sich gemeinsam mit weiteren Beteiligten dem Leben und Vermächtnis von Angie Stardust.

Angie Stardust war eine Schwarze trans* US-amerikanische Künstlerin, Aktivistin und Nachtclubbetreiberin, die die Kulturszenen in New York, Paris, Berlin und Hamburg prägte. Der Audiowalk verbindet persönliche Erinnerungen, historische Recherche und Hamburger Stadtgeschichte. Er macht das Wirken Angie Stardusts sichtbar und wirkt dem Vergessen Schwarzer, migrantischer und trans* Kulturgeschichte entgegen.

Saeleen Bouvars Arbeit zeigt, dass Archive nicht nur aus Akten und offiziellen Sammlungen bestehen. Sie entstehen auch in Musik, Erzählungen, Beziehungen und gemeinsam geschaffenen Erinnerungsräumen.

Die Jury zeichnet Saeleen Bouvar aus, weil sie künstlerische Arbeit, historische Verantwortung und konkrete Solidarität miteinander verbindet. Sie schafft Räume, in denen trans* Menschen nicht bloß Gegenstand gesellschaftlicher Debatten sind, sondern selbst erzählen, produzieren, kuratieren, erinnern und Zukunft gestalten.

Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert.

 

Preisverleihung am 19. September 2026 in Berlin

Die öffentliche Verleihung des Waltraud-Schiffels-Ehrenpreises und des Waltraud-Schiffels-Preises findet am 19. September 2026, 17 Uhr im Schwulen Museum Berlin statt.

Pressefragen bitte an pr[at]hms-stiftung.de richten.

Drucken
Diese Webseite verwendet Cookies
Wir verwenden Cookies, um Inhalte, Funktionen und Anzeigen personalisieren zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren.
Bitte treffen Sie Ihre Auswahl, um den Funktions-Umfang unserer Cookie-Technik zu bestimmen. Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.