hms-newsletter 2/2011

Dezember 2011

Liebe Freundinnen und Freunde der hms,

hms

die älteste schwul-lesbische Stiftung (das ist die hms) feiert zwanzig Jahre Fördertätigkeit (hierzu mehr in diesem Newsletter), da schlüpft der jüngste Sproß der queeren Stiftungsfamilie in der Hauptstadt gerade einmal aus dem Ei:
Wir heißen die Magnus-Hirschfeld-Stiftung herzlich willkommen - auf gute Zusammenarbeit!

Unseren Spender_innen und Zustifter_innen an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön, ebenso den vielen, die die Projekte, an denen wir uns im zu Ende gehenden Jahr finanziell beteiligen durften, realisiert haben. Was wären wir ohne Euch!? Für alle anderen soll an dieser Stelle der Hinweis nicht fehlen: Zustiftungen versetzen uns in die Lage, unsere Stiftungs- und Fördertätigkeit langfristig weiter zu entwickeln; Spenden in jeder Höhe fließen kurzfristig der Förderung von Projekten zu. Selbstverständlich sind Spenden und Zustiftungen an die hms steuerlich absetzbar. Wer sein Geld in diesen unsicheren Zeiten nachhaltig sinnvoll anlegen möchte, der sollte es bei uns tun!
Schöne Feiertage und alles Gute für das kommende Jahr wünschen Ihnen/ Euch der Vorstand der hms!

Dr. Karen Nolte, Dr. Klaus Müller, Josef Schnitzbauer und Klaus Stehling

20 Jahre hms

Impressionen von einem kleinen, aber feinen Fest
im Berliner Sonntagsclub

20 Jahre hmsAm ersten Wochenende im Oktober hatte die hms zu einem Fest anlässlich ihres zwanzig­jährigen Bestehens in den Berliner Sonntags­club eingela­den.
Durch den Abend führte Martin Dannecker.
Den musikalischen Rah­men gestalteten Judith Bergmann und Michael Heptner, begleitet am Klavier von Karsten Stracke. Die SängerInnen beeindruckten durch ihre Interpretation ebenso wie durch die Programmgestaltung: Bekannte Schumann Lieder wurden in vertauschten Rollen zu Gehör gebracht. Stücke, die auf der klassischen Bühne ausschließlich von Männern gesungen werden, wurden an dem Abend von Judith Bergmann interpretiert, die "Frauenstücke" hingegen von Martin Heptner.

Michi Kloss erinnerte mit Bildimpressionen an Andreas Meyer-Hanno, der 1991 mit seinem Vermögen die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung gründete und die Stiftung bis zu seinem Tod vor fünf Jahren wesentlich geprägt hat. Auf dem roten Sofa hielten die Vorstandsmitglieder, Michael Holy als Beiratsvorsitzender und Stefan Reiß als Gründungsvorstand Rückschau auf 20 Jahre Stiftungsarbeit. Michael Holy dachte an die Anfänge der Stiftung zurück, die recht turbulent waren, da sich die Stiftungsarbeit und auch die Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Beirat erst einspielen musste. Karen Nolte hob als Besonderheit der hms den persönlichen Kontakt zu den antragstellenden Akteur_innen hervor. Finanzvorstand Josef Schnitzbauer erläuterte, dass sich in den letzten Jahren das Fördervolumen erhöht habe – die hms könne seit dem Verkauf der durch den Stifter eingebrachten Wohnungen kontinuierlich mit einer Ertragsausschüttung von 4 % des Stiftungsvermögens arbeiten.

Nach dem kurzen Ausflug in Geschichte und Gegenwart der hms hielt die Historikerin Kirsten Plötz den Festvortrag: "Im Dschungel der Identitäten: Normal? Homosexuell? Lesbisch? Queer?" Sie nahm Bezug auf Lebensgeschichten von Frauen im 20. Jahrhundert und setzte sie in Beziehung zu aktuellen Diskussionen im Zuge der Gründung eines Hannoverschen Zentrums für LGBTIQ, an dem Kirsten Plötz selbst maßgeblich beteiligt ist. Auf diese Weise verdeutlichte sie die Herausforderungen, die aus dem Umgang mit Kategorien, Zuordnungen und Identitäten erwachsen. Die Historikerin stellte anschaulich dar, dass das Problem, sich nicht eindeutig identifizieren zu können, keineswegs ein neues Problem der heutigen "vervielfältigten" queeren Community ist. 20 Jahre hmsDie Frage der Identität – so Plötz – war früher auch nicht einfacher zu beantworten: So zerstritten sich zwei Lehrerinnen, die in der Weimarer Zeit innig verbunden wie ein Paar zusammenlebten, nachdem eine von beiden die Frage nicht mehr losließ, ob sie homosexuell sei. Sie hatte im Kino einen Film gesehen, der zwei homosexuelle Männer zeigte – ihre Freundin hingegen wehrte sich gegen diese Zuschreibung. Im Hannover von heute einigte man sich, um eine ausschließende Kategorisierung zu vermeiden, für das neue Zentrum zunächst auf den Arbeitstitel "Vielfaltszentrale" bis über einen Wettbewerb ein neuer Zentrumsname gefunden sein wird. Bei Speis und Trank ließ die hms mit ihren Gästen den schönen Abend im Sonntagsclub ausklingen – vielen Dank dem Sonntagsclub nochmal für die Gastfreundlichkeit!

Zum Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten trafen sich am Sonntag Beiräte und Vorstandsmitglieder der hms mit Freunden im Café finovo des Berliner Matthäus-Friedhofs, um nach einem gemeinsamen Frühstück zum Grab von Andreas Meyer-Hanno zu gehen.

"Schluss mit der Angst - LGBTI gegen Homophobie"

Schwerpunktheft des informationszentrums 3. Welt

Mit Unterstützung der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung brachte das "informationszentrum 3. Welt" in Freiburg im September diesen Jahres ein Schwerpunktheft zur Lage der LGBTI-Menschenrechte heraus. Sexuelle Identitäten jenseits der heterosexuellen Norm sind weltweit mit gesellschaftlichem Ausschluss, rechtlicher Diskriminierung und der Gefahr gewalttätiger Übergriffe verbunden – mancherorts bis hin zur Todesstrafe. Für das izw3-Themenheft haben ausgewiesene Expert_innen geschrieben. Hier seien drei der sechs Artikel kurz skizziert:

Klaus Jetz hat fünf schwule Aktivisten aus Iran, Ägypten, Sudan und Marokko interviewt, um den "arabischen Frühling" aus schwuler Sicht zu beleuchten. Schwule Männer müssen nicht nur strafrechtliche Verfolgung bis hin zur Todesstrafe fürchten, immer wieder wurden sie in der Vergangenheit aufgrund homosexualitätsfeindlicher Exzesse auch Opfer von Mordanschlägen. So kommen die Aktivisten zu dem Schluss, dass die "wahre Revolution" ihnen noch bevorsteht.

Die Ethnologin Mona Hanafi El Siofi schreibt über lesbische Identitäten im arabischen Raum. Da auch homosexuelle Beziehungen zwischen Frauen in vielen arabischen Ländern mit langen Gefängnistrafen sanktioniert werden, halten sich Lesben wie Schwule sehr bedeckt. Lesben sind in besonderem Maße unsichtbar, da sie sich – anders als die Schwulen – keine Gegenöffentlichkeit in einem subkulturellen Raum geschaffen haben. Homophobie ist jedoch keineswegs historisch in der arabischen Kultur verwurzelt: "Historisch war in arabischen Kulturen die Toleranz gegenüber gleich­geschlechtlichen Beziehungen deutlich größer als heute." Mit der Kolonialisierung vieler arabischer Länder übernahm die arabische Elite viktorianische Geschlech­ter­vorstellungen und die Sexualmoral – dies führte letztlich zu einer Aus­grenzung der nun als "Perversion" gebrandmarkten Homosexualität. Heute grenzen sich diese Länder mit der Ächtung und Verfolgung von Homosexualität vom "westlichen Lebenstil" ab.

Eine ähnliche Spannung zwischen Tradition und Folgen der Kolonisierung beschreiben Carla Schraml und Claudia Körner zur Situation von Homosexuellen in Afrika. So eröffnet die rechtliche Situation zuweilen einerseits Freiräume, geht jedoch andererseits mit Restriktionen gegen Homosexualität einher: So z.B. in Kenia, wo es gleichgeschlechtlichen Paaren zwar grundsätzlich erlaubt ist, eine Ehe einzugehen, gleichzeitig jedoch gleichgeschlechtlicher Sex als gegen die natürliche Ordnung gerichtet gebrandmarkt wird. In Kenia wie auch in Ruanda steht Homosexualität gesetzlich nicht unter Strafe. In Abgrenzung von westlichen Ländern wird Homosexualität jedoch als "unafrikanisch" stigmatisiert, was ein homophobes gesellschaftliches Klima zur Folge hat und zu Ächtung, Ausgrenzung und Gewalt führt. Lesben bleiben auch dort weitgehend unsichtbar, da ihnen bei Entdeckung Vergewaltigung und Mord drohen.

Madeleine Eisfeld schließlich schreibt über Indien und Parkistan, wo ein Drittes Geschlecht – die "Hijiras" –formaljuristisch anerkannt ist. Arn Sauer schreibt über die LSBTI-Menschenrechts- und Entwicklungsarbeit und Ina Riaskov stellt die Spannung zwischen Antidiskriminierungsgesetzen und Gewalt gegen LSBTI in Lateinamerika und in der Karibik.

Insgesamt ein äußerst lesenswerter Beitrag zur aktuellen Menschen­rechts­situation, der über die Internetseite des informationszentrum 3. Welt käuflich erworben werden kann.

Minderheitenrechte sind Menschenrechte

Ein Projekt der Malawi Homosexuellenrechte-Bewegung Magrim

Aktuelle Informationen zur LGBTIQ Community in Africa
bietet der der blog http://www.africanactivist.org

Mit Unterstützung der hms arbeitet Rat und Tat e.V. aus Bremen zu­sam­men mit NGOs und poli­ti­schen Aktivist_innen in Malawi an einem groß angelegten Projekt zur Akzeptanz und Legalisierung von Homosexualität. Akteur_innen der Schwulen- und Lesbenbewegung schlossen sich bereits lange bevor das Thema bevor das Thema Homosexualität in Malawi öffentlich skandalisiert wurde im Netzwerk Magrim, (Malawi Gay Rights Movement) zusammen. Internationale Aufmerksamkeit erfuhr die Situation von Lesben und schwulen, nachdem am 26. Dezember 2009 ein schwules Paar – Monjeza und Chimbalanga – die erste schwule Verlobung nach traditionellem Ritus in der Mankhoma Lodge, einer Kirche unweit des Chileka International Airport feierte. Zwei Tage später wurde das Paar verhaftet. Es wurde in verschiedenen Punkten Anklage gegen sie erhoben, darunter "grobe Unzucht" und "widernatürliche Handlungen" unter Männern. Sie wurden im Mai 2010 zu vierzehn Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit verurteilt, mit dieser Entscheidung wollten die Richter ausdrücklich ein Exempel statuieren. Der Fall machte international Schlagzeilen und führte dazu, dass auf die Regierung Malawis Druck ausgeübt wurde, Homosexualität zu respektieren und zu legalisieren. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon setzte sich für die Freilassung von Monjeza und Chimbalanga ein, die schließlich anlässlich seines Besuchs in der malawischen Hauptstadt Lilongwe aus "humanitären Gründen" nur wenige Tage nach dem Urteil aus der Haft entlassen wurden.

Einen wichtigen Ansatzpunkt in der Menschenrechtsarbeit bietet die Tatsache, dass Malawi die allgemeine Menschenrechtserklärung der UN mit unterzeichnet hat, welche eine Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Sexualität, Religion und Rasse verbietet. Das Projekt, welches Rat und Tat e.V. zusammen mit Aktivist_innen in Malawi durchführt, hat zum Ziel, über Homosexualität zu informieren und Missverständnisse aufzuklären, um so langfristig die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität in Malawi zu stärken. Als erstes Projekt wurden Radiosendungen produziert, die in den meist wahrgenommenen Sendern Malawis liefen. Parallel wurden Daten zur "Missachtung von Homosexuellenrechten" in Malawi gesammelt – diese sollen auf einer DVD (2.000 Kopien) publiziert und auch als Dateien per E-Mail verbreitet werden. Zu diesem Zweck wurden auch Interviews geführt, welche sich als recht aufwendig und kostspielig herausstellten, da Übersetzungen des Fragebogen in die vielen verschiedenen Landessprachen notwendig waren. Insgesamt waren die Recherchen über die Menschenrechtsverletzungen an Homosexuellen sehr heikel, da Homosexuelle bei der Veröffentlichung ihrer Namen eine Kriminalisierung fürchten müssen. Arno Oevermann von Rat und Tat e.V. betont jedoch, dass es – trotz aller Schwierigkeiten – in dieser Zeit "mutmachende Entwicklungen in Richtung Vernetzung und Austausch gegeben [hat], sodass gleichgeschlechtlich Liebende langsam und zaghaft Kontakte zueinander aufnehmen können."

Dieter Schiefelbein aus dem Beirat ausgeschieden

ausgeschiedenDieter Schiefelbein ist am 6.4.2011 aus persönlichen Gründen aus dem Beirat ausgeschieden. Beirat und Vorstand der Stiftung bedauern dies sehr. Denn er war seit Gründung der Stiftung im Jahre 1991 bis 1998 Vorsitzender des Beirates und hat die ersten Jahre der Stiftung von Seiten des Beirats entscheidend mitgeprägt. Neben einem Schema zur Beurteilung von geförderten Projekten hat er die teilweise bis heute gültigen Förderkriterien mitentwickelt. Hilfreich war seine offene und konstruktive Kritik, die wo nötig auch den Konflikt mit dem Stifter nicht scheute. Seine ruhige und reflektierte Art, die u.a. aus einer langjährigen Erfahrung mit alternativ-ökonomischen Projekten resultierte, wird uns sehr fehlen.

Michael Holy, Beiratsvorsitzender

Leitbild der hms

hmsBeirat und Vorstand der hms haben im Rahmen zweier spannender Sitzungen das Leitbild der Stiftung neu gefasst.

Als Ziel der Fördertätigkeit wurde festgehalten: "Die hms unterstützt (...) Projekte, die darauf abzielen, heterosexuell und zweigeschlechtlich geprägte Geschlechter- und Sexualitätsnormen (Heteronormativität) kritisch zu hinterfragen sowie rassistische und in jeder anderen Form diskriminierende Diskurse und Praktiken (auch innerhalb der LGBTIQ-Bewegung) zu thematisieren. Die Fördertätigkeit der hms zielt auch darauf ab, Freiräume für subversive Praktiken zu schaffen bzw. zu erhalten."

Die Endfassung des gesamten Textes wird im nächsten Newsletter veröffentlicht.

— Ende des Newsletter 2-2011 —


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